Jeder zehnte findet Homosexualität unmoralisch

Homophobie ist in der Schweiz nach wie vor verbreitet

Jeder zehnte Schweizer findet Homosexualität unmoralisch.

Eine neue Erhebung zeigt: Homophobie ist in der Schweiz bis heute verbreitet. Die Lesbenorganisation LOS fordert nun eine Veränderung in den Klassenzimmern – und dass Homosexualität dort nicht mehr als etwas Aussergewöhnliches präsentiert wird

Schlechter als Montenegro, Albanien oder das erzkatholische Irland: Im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern haben Schwule und Lesben bei uns deutlich weniger Rechte. Bisher unveröffentlichte Erhebungen der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigen nun, dass auch Homophobie in Teilen der Schweizer Bevölkerung noch immer tief verwurzelt ist: Jeder zehnte Schweizer hält gleichgeschlechtliche Liebe für unmoralisch. Weiter sind 22,7 Prozent der Befragten gegen eine Ehe für alle.

Muriel Waeger, Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation LOS, überraschen diese Zahlen nicht: «Das ist zwar schockierend, aber dass Homophobie in der Schweiz ein grosses Problem ist, wissen wir. Man merkt es im Alltag, an Beleidigungen auf der Strasse oder an den Anrufen auf unsere Helpline.»

Schwierig, Taten zu beweisen

Offizielle Statistiken zu sogenannten «Hatecrimes» gibt es nicht. Der einzige Anhaltspunkt: Bei Pink Cross und LOS gehen jede Woche durchschnittlich zwei Meldungen ein – wegen Beleidigungen, Hass-Kommentaren in den sozialen Medien oder körperlicher Gewalt.

Von diesen erfassten Meldungen landen jedoch nur wenige bei der Justiz. Oft ist es schwierig, die Taten zu beweisen – oder die rechtliche Grundlage fehlt (mehr dazu weiter unten). Ausserdem hätten viele Homosexuelle Mühe, zur Polizei zu gehen, sagt Muriel Waeger von LOS: «Bis in die Achtzigerjahre wurden Schwule und Lesben in der Schweiz fichiert. Deshalb fällt es ihnen auch heute noch schwer, sich der Polizei und anderen staatlichen Institutionen anzuvertrauen.»

Kein Generationen-Problem

40 Jahre später ist der Hass auf Schwule und Lesben kein Phänomen der älteren Generationen. Zwar stellen die meisten Studien fest, dass jüngere Personen eine positivere Einstellung gegenüber Homosexuellen haben. In der ZHAW-Erhebung bezeichneten es aber immerhin 23, 3 Prozent der Jugendlichen als «ekelhaft», wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen.

Dringend nötig ist laut Waeger deshalb eine Veränderung in den Klassenzimmern: «Über Homosexualität wird in der Schule kaum gesprochen und wenn doch, wird sie als etwas Aussergewöhnliches präsentiert. Das hinterlässt Spuren in den jungen Köpfen.» Am besten wäre es deshalb, die verschiedenen sexuellen Orientierungen in den Schulstoff zu integrieren, plädiert sie: «Also zum Beispiel im Französischkurs explizit darüber zu sprechen, dass die homosexuelle Affäre von Dichter Arthur Rimbaud sein Werk stark beeinflusst hat.»

Jugendliche noch unter Einfluss der Eltern

Vera Studach, Chefin der Fachstelle Liebesexundsoweiter, besucht regelmässig Schulklassen und klärt sie über Sexualität und sexuelle Gesundheit auf. Sie kennt die Problematik: «Bei unseren Einsätzen sind wir des Öfteren mit homophoben Äusserungen konfrontiert.» Diese basierten meist auf Vorurteilen und Fehlinformationen wie zum Beispiel, dass Homosexualität etwas Unnatürliches sein soll.

Es sei besonders die Wertehaltung der Eltern, religiöse oder kulturelle Einflüsse die zu Homophobie führen: «Jugendliche stehen noch stark unter Einfluss ihres Elternhauses. Gibt es dort eine homophobe Tendenz, ist es wahrscheinlich, dass die Jugendlichen diese übernehmen – jedenfalls bis sie mit Kritik und wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Thema konfrontiert werden und die Ansicht ihrer Eltern hinterfragen.»

Deshalb sei es wichtig, dass die Schüler ihre Bedenken in einem geschützten Rahmen – wie es die Schuleinsätze von entsprechenden Fachstellen sind – offen äussern könnten. Falls die Abstimmung zur Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm angenommen wird, käme ein weiterer Punkt dazu: «Dann werden wir sie zudem darüber informieren, dass sie für gewisse Aussagen mit rechtlichen Folgen rechnen müssen.»

Kommende Abstimmung

Über die Anti-Rassismus-Strafnorm entscheidet das Stimmvolk am 9. Februar. Diese soll neu auch vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung schützen. Der Gang zur Urne ist nötig, weil die im Parlament beschlossene Änderung des Strafgesetzbuchs mit dem Referendum bekämpft wird. Ergriffen haben dies die Eidgenössisch-Demokratischen Union (EDU) und die Junge SVP.