UnterhaltungPeopleFux: «Ich hatte immer grossen Respekt für die Offenheit der Leute»
Player spielt im Picture-in-Picture Modus

© PilatusToday

Fux: «Ich hatte immer grossen Respekt für die Offenheit der Leute»

Schluss nach zehn Jahren
Zehn Jahre lang gab sie den Schweizerinnen und Schweizern Tipps zum Thema Liebe oder Sex: Am vergangenen Mittwoch gab die gebürtige Zugerin Caroline Fux im «Blick» ihren letzten Ratschlag. Wir haben mit ihr über die letzten zehn Jahren gesprochen.
Publiziert am So 4. Jul 2021 08:26 Uhr

Caroline Fux, Sie hören nach zehn Jahren Sexberatung in der Zeitung jetzt damit auf. Das ist sicherlich speziell...

Das ist auf jeden Fall ein komisches Gefühl! Zehn Jahre – das ist eine lange Zeit. Für mich war es immer mehr als nur ein Job. Es ist ein sehr spezielles Gefühl zu wissen, dass man am nächsten Montag keine Beratungsfragen beantworten muss.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Das Privileg, dass die Menschen von dir etwas wissen möchten und sich dir anvertrauen. Ich finde, es braucht extrem viel Mut, wenn man die Zeitung bzw. mich anschreibt. Denn man weiss nicht ganz eindeutig, was passieren wird. Man schreibt, weil man in einem intimen Lebensbereich ein Problem hat. Davor hatte ich immer grossen Respekt: für die Offenheit der Leute.

Sie haben über 2'500 Fragen in der Zeitung beantwortet...

Dies sind nur die Fragen, die in der Zeitung veröffentlicht wurden. Was viele nicht wissen, ist, dass ich auch im Hintergrund beraten habe. Ich bekam mehr Mails, als wir in der Zeitung abdrucken konnten. Ich bekam weit über 10'000 Mails, von denen über 8'000 Beratungsfragen waren.

Sind die Schweizer nicht mehr so verklemmt wie noch vor 10 Jahren?

Nur weil es die Rubrik in der Zeitung nicht mehr gibt, heisst es nicht, dass alle Fragen beantwortet wurden. Sexualität ist ein Lebensthema mit vielen Fragen. Es ist ein bisschen wie mit den Zahnärzten oder Schuhmacherinnen – bei denen geht die Arbeit auch nicht aus.

Woher kommt dieses Wissen? Eigene Erfahrung oder aus dem Internet?

Es ist eine Art Handwerk. Viele Menschen haben falsche Vorstellungen von unserem Beruf. Es geht nicht darum, dass ich den Menschen etwas vermitteln möchte wie in der Schule, sondern dass man jemanden in seinem Prozess weiterentwickelt. Ich sage den Menschen nicht, was sie konkret machen müssen oder was richtig oder falsch ist. Es ist mehr ein Begleiten des Klienten. Klar gibt es ein Fachwissen und eine Basis, die ich mir selbst erarbeitet habe. Schliesslich habe ich dies auch studiert. Dass meine Beratung auf persönlichen Erfahrungen basiert oder dass man dafür ein wildes Sexleben benötigt, ist oft die Vorstellung von Laien. Ich denke, das kann eine Art sein, um auf dieses Thema zu schauen. Aber es ist nicht die Perspektive, die ich als Fachperson habe.

Welche Frage wird Ihnen am meisten gestellt?

Die Fragen sind so vielfältig und verschieden, dass keine konkret raussticht. Es gibt aber Themen, die oft wiederkehren. Beispielsweise Fragen von Singles, die keinen Partner finden oder eine Langzeitbeziehung, bei der die Sexualität eingeschlafen ist. Aber auch Leute, die das Gefühl haben, dass sie zu viel oder zu wenig Lust haben. Auch Körperfragen können wiederkehren, wie beispielsweise Frauen, die relativ oft Orgasmus-Schwierigkeiten haben. Oder besser gesagt: Wir Frauen haben ein falsches Bild vom weiblichen Orgasmus, so dass wir das Gefühl haben, dass wir Schwierigkeiten damit haben, dabei ist er völlig normal. Bei den Männern ist es eher ein Thema, dass man zu früh kommt. Auch dort ist es dasselbe Problem, dass viele denken, 50 Minuten Sex wäre völlig normal. Leider hat die Natur dies etwas anders konzipiert. Da prallen die Erwartungen aufeinander.

Haben sich in den letzten 10 Jahren die Fragen verändert?

Es gibt die universellen Fragen, die schon bei meiner Vorgängerin Marta Emmenegger vor 40 Jahren gestellt wurden und auch bei mir Thema sind. Es gibt auch Themen, die sehr aktualitätsbezogen sind. Schliesslich kann man nur Fragen zu Tinder stellen, seitdem es Tinder gibt. Generell beim Online-Dating sind dadurch neue Probleme und Fragen entstanden. Oder auch die #MeToo-Bewegung, die viel ausgelöst hat oder wir sprechen auf eine andere Art über die LGBTQIA+-Community als noch vor 10 Jahren.

Gab es auch schon Momente, bei denen Sie sprachlos waren?

Ich finde es gar nicht so falsch, wenn man in solchen Momenten sprachlos ist. Für mich bedeutet Sprachlosigkeit, dass man sich mal damit auseinandersetzen muss. Ich kann und will nicht wie aus der Pistole geschossen eine Antwort abgeben, denn das wäre meiner Meinung nach keine gute Beratung. Als Berater muss man sich fragen, wie gehe ich auf die Person ein, was hilft ihr und was ist der nächste Schritt?

Gab es auch Momente, bei denen Sie nicht weiterhelfen konnten?

Mir war es immer wichtig, dass ich auch mal sagen kann, dass ich keine Antwort dazu habe. Dabei waren es keine klassischen Fragen aus dem Lehrbuch, die man entweder weiss oder nicht. Es gibt Situationen, die so schwierig sind, dass man sie nur aushalten kann und dass ich dieses Aushalten begleite. Ich war mir auch nie zu schade, offen zu sagen, dass mich diese Frage traurig macht oder generell beschäftigt. Ich finde es wichtig, dass man solche Gefühle auch teilen kann.

Inwiefern ist es hilfreich, dass man bei solchen Fragen die Community aus den sozialen Netzwerken miteinbezieht?

Es kann hilfreich sein. In meinem Fall mit der Rubrik im «Blick» war dies mit einem hohen Preis verbunden, was für mich nicht stimmte. Nicht, weil ich diesen Preis zahlen muss sondern andere. Ich finde, dass die Stimmung und der Ton in den sozialen Medien sehr grob waren. Insbesondere auf Facebook war ich sehr enttäuscht, weil dort sehr schlimme Kommentare kamen. Man hat sich über die Menschen lustig gemacht und dies auf eine verletzende Art. Da musste ich mir sagen: Es steht eine Person mit einem Leben hinter dieser Frage. Und es gibt zahlreiche weitere Personen, die sich die gleiche Frage stellen. Wenn dann die Community sich darüber lustig macht, fand ich immer, dass es sich nicht lohnt, dass alle mitmachen können. Ich finde, wie klein muss man sein, wenn man jemanden blossstellt, nur weil er Schwäche zeigt und sein Problem schildert.

Sollte man also einen Sexualtherapeuten bevorzugen?

Es gibt die Peer-Beratung. Also Leute, die sich untereinander auf derselben Ebene austauschen. Dort gibt es grosse Erfolgsrezepte und ich finde dies auch sehr wichtig. Aber es ist etwas anderes als eine Beratung beim Therapeuten. Wenn man aber in eine Beratung geht und sich bei einer Psychologin meldet, will man sein Problem auch nicht mit offenen Fenstern besprechen, damit alle beim Vorbeigehen auch ihren Senf dazugeben und von ihren Erfahrungen sprechen. Darum würde ich die Hilfe der Community nicht generell geringschätzen, jedoch sollte man dies sorgfältig machen.

Färbt Ihre Arbeit als Therapeutin auch auf Ihr Sexualleben ab?

Viele sind es sich nicht gewohnt, dass man Sexualität als Arbeitsinhalt haben kann. Grundsätzlich ist es bei mir nicht anders als bei anderen Menschen: Habe ich einen grossartigen Arbeitstag, komme ich auch entspannt nach Hause, bin gut gelaunt und entspannter. Habe ich einen anstrengenden Tag und komme abends müde nach Hause, benötige ich auch mehr Zeit, um herunterzukommen. Für mich ist aber eine Trennung zwischen Job und Privatleben wichtig. Also in den Beratungen bin ich als Fachperson tätig und nicht als Privat-Caroline. Ich würde sagen, dass Sexualität und Beziehungen für mich wichtig sind. Es ist ein Lebensbereich, in den ich viel investiere und den auch spannend finde.

Waren Sie selbst auch schon persönlich in einer Sexberatung als Klientin?

Ja sicher! Das finde ich auch ganz wichtig. Einerseits ist es ein Pflichtteil der Ausbildungen. Denn man muss seine eigene Geschichte, seine Erlebnisse und die Stolpersteine kennen und im Griff haben. Andererseits möchte ich mich weiterentwickeln und auch kein Geheimnis draus machen, dass ich geschieden bin. Für gewisse Menschen ist dies ein Versagensmerkmal. Aber ich und mein Ex-Mann haben ein gutes Verhältnis zueinander.

Wie geht es nun bei Ihnen weiter?

Ich mache als Psychologin und Sexologin weiter und ich geniesse es auch. Viele wissen nicht, dass mein Pensum beim «Blick» 80% einnahm – und dies zehn Jahre lang. In dieser Zeit musste ich oft Klienten, welche eine persönliche Beratung wünschten, wegschicken, weil mir die Zeit gefehlt hatte. Jetzt kann ich endlich sagen: «Ja, ich habe Termine frei!» Darauf freue ich mich sehr.

Tele 1-Bericht über Caroline Fux

Player spielt im Picture-in-Picture Modus

© tele1

(red.)

    #sex#Sexualität
© PilatusToday