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Von Afghanistan in die Schweiz: «Es braucht sehr viel Vertrauen in die Schlepper»

Zwei Jahre auf der Flucht
Fast hat er seine Brüder nicht wiedererkannt: Neun Jahre lang hat Habibi sie nicht mehr gesehen. Nach zwei Jahren auf der Flucht sind Farid und Fayzollah endlich in der Schweiz angekommen. Eine besondere Situation für alle drei.
Publiziert am Sa 21. Aug 2021 06:52 Uhr

Von Afghanistan über die Türkei nach Griechenland und dann in die Schweiz: Farid, 13 Jahre alt und Fayzollah, 11 Jahre alt, waren gemeinsam mit ihrer Mutter und den übrigen Geschwistern auf der Flucht. An der Grenze zur Türkei wurde jedoch das eine Auto von den Grenzwächtern erwischt und die Mutter wurde mit ihren Kindern zurückgeschickt. Ab da waren Farid und Fayzollah, die in einem anderen Auto sassen, auf sich allein gestellt.

Eine Flucht braucht viel Geld und Zeit: Habibi erzählt, dass seine Familie die ganzen Ländereien verkaufen musste, um die Schlepper zu bezahlen. Doch das ist nicht die einzige Herausforderung: «Es braucht sehr viel Vertrauen in die Schlepper, obwohl man diesen nicht vertrauen kann.» In den Augen von Europäer seien die Schlepper Kriminelle, für Personen wie Habibi und seine Brüder sind sie die Retter – und ihre einzige Hoffnung. Auch die Organisation der Flucht ist nicht zu unterschätzen, alles muss ins kleinste Detail geplant werden: «Der kleinste Fehler kann grosse Auswirkung haben, macht alles kaputt.» Unabdingbar sind dabei auch gute Kontakte.

Bereits 2016 ist Aminullah Habibi, der sich Habibi nennt, alleine in die Schweiz geflüchtet. Drei Jahre war er auf der Flucht, mehrere Jahre lang haben er und seine Familie dafür gespart. Inzwischen hat sich der 21-Jährige in der Schweiz ein eigenes Leben aufgebaut. Man könnte ihn auch als «Vorzeige-Flüchtling» bezeichnen. In Stans ist er bekannt wie ein bunter Hund und wirkt in verschiedenen Vereinen mit. Soeben hat er seine Lehre als Fachmann Gesundheit abgeschlossen, zukünftig wird er im Altersheim in Buochs arbeiten.

Für den 21-Jährigen ist es eine besondere Situation, dass nun seine Brüder bei ihm in der Schweiz sind: «Es ist ein schönes Gefühl, die Familie da zu haben und zu wissen, dass sie in Sicherheit sind.» Dass sie in der Schweiz gelandet sind, ist umso schöner. Doch es hätte auch ein anderes Land sein können, Hauptsache, «sie haben ein warmes Bett, sauberes Wasser und etwas Brot zum Essen.»

Das haben sie nun in der Schweiz erhalten, noch sind sie in einem Asylzentrum für UMAs (Unbegleitete minderjährige Asylsuchende) untergebracht. Ziel des 21-Jährigen ist jedoch bald gemeinsam mit seinen Brüdern wohnen zu können. Dafür ist Habibi aber auch auf fremde Hilfe angewiesen. Da er in einem 80-Prozent-Pensum arbeitet, war er auf der Suche nach einer Person, die seine Brüder betreut und bei der Integration unterstützt.

Inzwischen hat er eine passende Person für die Betreuung seiner Brüder gefunden, muss aber noch rechtliche Dinge abklären. Habibis Brüder werden nun in den nächsten Wochen Deutsch lernen. Nach den Herbstferien werden sie dann in Stans die Schule besuchen.

Trotz den Schwierigkeiten und Widrigkeiten, mit denen die Brüder auf der Flucht zu kämpfen hatten, das wichtigste für Habibi: «Sie sind jetzt da, das zählt am meisten.»

*Hinweis: Das Interview wurde vor der Machtergreifung der Taliban in Afghanistan geführt.

    #Flüchtling#Flucht#Afghanistan
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